Steinbach-Hallenberg: Eine Goldmedaille für Manuela - Schmalkalden - inSüdthüringen

2023-03-08 15:44:08 By : Ms. Lisa Huang

Redakteurin Silke Wolf machte sich zu einer ganz besonderen Hüttentour auf und begleitete ein Helferteam des Skiclubs Steinbach-Hallenberg einen Tag lang zur Biathlon-Weltmeisterschaft in Oberhof.

Am Ende des Tages fließen Tränchen – nicht bei den Medaillengewinnern, sondern bei Manuela Melchior. Aus Erleichterung, dass alles geklappt hat und aus Dankbarkeit für das Helferteam. Dafür, dass „ihr so eine tolle Truppe wart und mir den Rücken freigehalten habt, damit ich mal ein paar Stunden mit meiner Tochter zusammen sein konnte“. Alle sind gerührt, denn so ein Tag schweißt zusammen. Leute, die sich vorher nur flüchtig kannten oder gar nicht, werden für elf Stunden zu einer Mannschaft.

Einer, die darum kämpft, dass die vielen Gäste aus Deutschland und der Welt von der Weltmeisterschaft in Oberhof mit einem guten Gefühl, schönen Erinnerungen und vollem Magen nach Hause fahren. Und mit etwas leichterem Geldbeutel. Denn alles, was in diesen Tagen in der Hütte des Skiclubs Steinbach-Hallenberg eingenommen wird, fließt in die Vereinskasse. Ein Sparschwein wird zudem mit Trink- und Pfandgeld für den Nachwuchs gefüllt.

Alle 48 Helferinnen und Helfer der WM-Tage, viele sind nicht Mitglied des Skiclubs, arbeiten ehrenamtlich in der Hütte mit. Und eine nimmt für den WM-Einsatz 14 Tage Urlaub. Freizeit, die sie sich im Norma hart erarbeitet und angesammelt hat, um in ihrer Funktion als Versorgungschefin des Skiclubs zur Biathlon-WM in der Hütte tätig sein zu können. Freizeit, die sie mit ihrer Familie, ihren Kindern, hätte verbringen können. Und Manuela Melchior ist nur eine von vielen Hüttenbesatzungen der 15 Vereine aus der Region, die dasselbe tun.

Der Tag beginnt um 7 Uhr in der Wolffstraße. Manuela begrüßt die freiwilligen Helfer für diesen Tag, die sich bei ihr nach Aufrufen über Facebook, Mund-zu-Mund-Propaganda und der Zeitung für den Einsatz meldeten. Nadine, Steffen, Susann, Kerstin, Doreen, Silke. Jeder bekommt eine Trainingsjacke vom Verein, schnell noch eine Zigarette und los geht es im roten ausgedienten Bus der Feuerwehr mit FW-112-Kennzeichen, den die Stadt zur Verfügung gestellt hat. Bei der Mama wird noch kurz gehalten und Nachschub gebracht für das Pesto, das in der Hütte für das vegetarische Nudelgericht gebraucht wird. Conny steigt unterwegs zu. Manuela kann auf den 69-Jährigen bauen, er hat schon mehrmals die Bratwürste auf dem Grill gewendet – auch am Wochenende vorher, als die Post abging. „300 auf der einen, 300 auf der anderen Seite“, erklärt Conrad Tügend kurz darauf und zeigt auf den Grill.

So viel wird heute nicht verkauft, denn zum Einzelrennen der Männer werden ca. 12 000 Fans erwartet, halb so viele wie am Wochenende. Auf dem Parkplatz im Kanzlersgrund steht noch kein Auto, die Polizei aber schon, die Beamten gucken kurz in den Transporter, alles okay, wir haben eine Berechtigung. Dann kutschiert Manuela alle auf den Grenzadler, zum WM-Gelände, vorbei am VIP-Zelt, die Tambacher Straße lang bis zur letzten Hütte. Zuvor werden am Hüttendorf Wasserkanister gefüllt und Kisten mit WM-Bechern abgeholt. „Normalerweise hole ich hier noch die Brötchen und die Bratwürste“, erklärt sie. Ist aber noch genug da, also gleich zur Hütte.

Dort muss erst einmal die Stromversorgung hergestellt werden. Am Hauptschalter hängen die Glühwein- und der Heißwasserkocher für Tee. Draußen putzt Steffen den Rost, Conny holt aus der kleineren Hütte Nachschub. Die Frauen wischen die Theke ab, stellen den Warmhaltebehälter bereit, bestücken die Kaffeemaschine, schneiden Brötchen auf.

Manuela beeilt sich. Bis 9 Uhr muss der Transporter wieder das Gelände verlassen haben. Im Kanzlersgrund stellt sie ihn ab, spricht kurz mit einem Ordner der Feuerwehr und fährt mit dem Shuttle wieder zum Grenzadler. Dort angekommen, grüßt sie Irina und Enrico Kuchar vom Feuerwehrverein Unter-/Oberschönau, die den Besucherverkehr regeln. Kleiner Schwatz und weiter geht’s. In der Hütte sind alle am Machen und Tun, Zeit, um eine Runde oberhalb im Hüttendorf zu drehen. Manuela stellt ihre Partner vor – den Mann von Gotano, bei dem sie den Glühwein-Nachschub ordert.

Holger Schulz, Vertriebschef von Fleisch- und Wurstwaren, steht im Nebel. Mal nicht im Oberhofer, denn an diesem Renntag gibt es blauen Himmel und Sonnenschein. Im Holzkohlenebel, denn auch an der eigenen Hütte des Schmalkalder Unternehmens, das die Exklusivrechte für die Fleisch- und Wurstversorgung für die WM hat, wird gerade der Grill angefacht. „Ich kenne die Vereine schon lange, weiß, wie sie ticken und wie viel Würste und Brätel gebraucht werden“, sagt er. Zwei Mal am Tag laufen die Absprachen, denn die Würste kommen täglich um 5 Uhr frisch im Hüttendorf an, wo sie kommissioniert werden. Für viele Gäste sei der Biss in die Thüringer Bratwurst mit dem Gefühl verbunden: „Jetzt bin ich in Thüringen!“

Beim Rundgang entdeckt Susann alte Bekannte. Die junge Mutter aus Viernau ist erfreut, das Ehepaar Heyn zu sehen, das einen Stand im Hüttendorf betreibt. „Das ist die Bäckerei aus meinem Heimatort Geratal“, sagt die 29-Jährige. Und die Heyns freuen sich ebenso. Susann, die selbst mal zwei Jahre auf der Oberhofer Sportschule Langlauf betrieben hat, ist die jüngste Helferin an diesem Dienstag. Für sie bedeutet der Einsatz „Abwechslung vom Erziehungsurlaub“. Ihr Partner und die Oma der kleinen Lina sind heute mit Kinderdienst dran.

Apropos. Das Handy klingelt bei Manuela, ihre jüngere Tochter will den Trockner zu Hause anschmeißen und braucht Hilfe. Weiter geht es im Hüttendorf. Manuela zeigt, in welcher Hütte der Toilettenschlüssel hängt, die Bühne der ARD, wo nachher die Live-Band den Fans einheizt, grüßt die Freunde vom WSC Ober-Unterschönau in ihrer Hütte, winkt der Besetzung der Nachbarhütte vom WSV Trusetal zu. So viel Zeit kann sich Manuela sonst nicht nehmen, aber heute hat sie genug Helfer eingeplant, damit auch mal für ein Foto auf der Gondel an der „Wir sind Thüringen“-Hütte und ein Selfie mit Michael Rösch drin sind. Auch ein paar Bälle fliegen am Decathlon-Stand ins Zielkörbchen.

Dann aber ab in die Hütte: Die Besucher dürfen rein. Jetzt heißt es, Glühwein zapfen, Bier ausschenken, Bratwürste reichen. Und: mit den Fans aus ganz Deutschland und der Welt ein Pläuschchen halten. Aus Goslar, Hamburg, Kiel, Bremen, dem Saarland, von der Insel Poel kommen sie. „Immer wieder gerne hier“ seien sie, sagen die meisten. Ein Mann steht an der Hütte, mit einer etwas eigenwilligen Kopfbedeckung. Steffen bezeichnet sie als Bienenstock und lacht sein markantes „Hahahaha“. Der Mann mit der Mütze ist Thomas aus Ilmenau, der sein Saxofon dabeihat, voriges Jahr 55 000 Kilometer mit diesem durch ganz Europa per Auto gereist ist. „Immer an die schönsten Ecken – und gestern habe ich in Grumbach gespielt. Das ist doch da, wo Ihr herkommt“, sagt er und bläst los. Nicht ohne vorher zu erzählen, dass er 2012 im Schlafanzug zum Biathlon aufgelaufen ist, weil er gehört hatte, dass man sich da verkleiden muss.

Irre Typen trifft man beim Biathlon. Aber auch stille. Wie den Mann, der an dem Tag in Leinefelde mit dem Zug losgefahren ist, dann mit dem Shuttle bis zur Arena. Zwei Stöcke braucht er zum Laufen wegen der Hüfte. Und warum das alles? „Weil ich noch nie bei einer Weltmeisterschaft dabei war.“

Während des Wettkampfs ist es ruhig an der Hütte, abwechselnd schauen sich die Helfer das Rennen aus der Nähe an, nehmen etwas mit von der Begeisterung an der Strecke. Manuela hat Besuch von ihrer älteren Tochter Kathleen bekommen, die beiden drehen eine Runde und schauen sich den Sieg von Überflieger Bö per Smartphone hinter der Hütte an, während ein paar Meter hinter ihnen, hinter den Bäumen, die letzten Sportler den Birxsteig erklimmen.

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Glühwein, Bier, Bratwurst gehen über die Theke. Der Nachwuchs des Vereins kommt, jeder kriegt eine Wurst oder Nudeln mit Pesto. Die Kinder schwärmen davon, dass sie ein Selfie mit Benedikt Doll machen konnten. Gegen 17 Uhr beginnt das Aufräumen und Saubermachen.

Manuela fährt mit dem Shuttle zum Kanzlersgrund und holt den Transporter. Erst ab 18 Uhr dürfen die Fahrzeuge wieder aufs Gelände.

Die Hüttenchefin macht das Licht aus. Alle sind geschafft. Und auch froh, diesen Tag gemeinsam gemeistert zu haben. Der Einsatz ist ein Erlebnis, das keiner je vergisst. Es sind Eindrücke, die nachwirken werden. Wir loben uns gegenseitig. Es tut gut.

Auf der Rückfahrt hält Manuela wieder bei der Mama an, reicht eine Bratwurst rein. In der Wolffstraße steigen wir aus, umarmen uns, gehen zu unseren Autos, fahren nach Hause, Füße hochlegen. Für Manuela ist noch nicht Schluss. Sie hat die Kassen dabei, wird mit einer Vereinskameradin noch die Abechnungen machen, dann die Bestellungen prüfen, die Helferlisten aktualisieren. Morgen früh um 7 geht es wieder los – bis Sonntag. Und am Montag wieder an die Arbeit.

Eines steht fest: Wenn es abseits der Strecke Goldmedaillen gäbe, Manuela hätte sie verdient – stellvertretend für all die andern Hüttenchefs und -chefinnen in Oberhof!

Redaktionsleiterin Schmalkalden silke.wolf@stz-online.de